Hoffentlich gibt es jetzt endlich eine Debatte zum Onlinejournalismus

Gedanken zum Wandel der Zeitungslandschaft

Table of Contents

  1. Eine Liste von Fragen
  2. Eine chaotische Zeit
  3. Notizen

Das Zeitungensterben ist eine alte Nachricht. Leser abonnieren immer seltener Tageszeitungen, insbesondere überregionale, und lesen stattdessen online. Online haben sie wesentlich mehr Auswahl - sie haben Zugang zu Zeitungen aus anderen Ländern und Regionen, aber auch zu unabhängigen Online-Zeitungen und Blogs. Durch die breiter gefächerte Auswahl, und durch den Markteintritt von z.B. Google ins Werbegeschäft, verschlechtert sich die Position von Zeitungsverlagen vis-a-vis Werbetreibenden. Das traditionelle Geschäftsmodell von Zeitungen ist so praktisch zerstört, und ein neues ist noch nicht wirklich gefunden.

Dies ist eine eindeutige Folge der Digitalisierung. Eine andere, bislang bei weitem zu wenig diskutierte Folge ist die Veränderung des Journalismus durch den Umzug ins Netz. Während man Anflüge einer breiteren Diskussion dazu hier und da in englishsprachigen Medien erkennen kann, war das in den deutschsprachigen Medien bislang eher weniger der Fall. Zwei mehr oder weniger direkte Folgen sind häufig besprochen, wenn auch selten (oder eher gar nicht?) eingeordnet:

  1. Die Debatte um die "Lügenpresse"
  2. Die steigende Wichtigkeit von Social Media als Nachrichtenplattformen

Schon in den vergangenen Wochen bahnte sich eine kleine Bewegung zu etwas interessanteren, Meta-Diskussionen an. Da geschah das noch in der Form von etwas apokalyptischen Titelzeilen: Der Spiegel veröffentlichte einen Kommentar mit dem Titel Krisenjahr 2016: Was für ein Chaos von Roland Nelles, der zumindest auf ein wachsendes Gefühl von globaler Instablität hinwies (ansonsten ist der Artikel leider eher weniger interessant), die Zeit machte sogar in ihrer Ausgabe vom "Worauf wir uns noch verlassen können" zu ihrem Titelthema (das Inhaltsverzeichnis findet sich hier).

Den ersten Schritt zu einer ernsthafteren Diskussion macht jetzt Zeit Online: In einem Artikel erklären sie ihre Verfahren im Falle von Ausnahmesituationen, in einem anderen wird die Frage der Neutralität und Objektivität als ideal des Journalismus diskutiert.

Der letztere ist relativ schnell besprochen: Er stellt die richtige Frage und Antwortet entsprechend, dass es Neutralität und Objektivität nicht wirklich geben kann. Stattdessen würden diese mit einer Unterstützung des Status Quo gleichgesetzt. Ein kleiner Exkurs: In der Politik ist es nicht Objektiv gegen Subjektiv, sondern Links, Mitte, Rechts. Mao Zedong ordnete sich selbst als in der Mitte ein, politische Gegner waren entweder Links- oder Rechtsabweichler, oder außerhalb des Diskussionsrahmens. Das heute Angela Merkel fast den selben Diskurs bedient ist ein Zeichen seiner Inhaltsleere. Andererseits heißt es auch, dass sich die Methode zumindest ein Stück weit bewährt hat.

Der andere Artikel ist schwerer einzuordnen. Er wirft wichtige Fragen auf: Was bedeutet die erhöhte Geschwindigkeit von Nachrichtenflüssen für den Journalismus? Was bedeutet es, dass jeder Sender sein kann und dass, sollte Zeit Online nicht berichten, die drei anderen Nachrichtenquellen, die vom Leser rezipiert werden, es doch tun werden? Kann man bestimmte Aspekte wirklich verschweigen? Welche Informationen sind validiert, welche nicht, und wie lässt sich das herausfinden? Ist es möglich, positive Nachrichten zu verbreiten, statt sensationalistisch difuse ängste zu schüren?

Und in dem Artikel kommt es zu einem denkwürdigen Abschnitt:

Dies ist die Paradoxie, die alle anderen umfasst: dass wir um viele unserer Fehler wissen, und sie doch täglich neu begehen, weil sie unvermeidbar sind oder uns so scheinen. (Seite 4)

Tatsächlich ist der Artikel erfrischend offen in seiner Erklärung von journalistischen Arbeitsweisen heute - und dabei zuzugeben, dass man selbst noch keine guten Antworten gefunden habe. Es wäre zu hoffen, dass Artikel wie dieser und die im Artikel angesprochenen Test[s] von Alternativen dazu führen, dass eine Debatte über die Veränderung journalistischer Arbeit in Zukunft offen geführt wird.

Eine Liste von Fragen

Eigentlich sollte ich es mit meinem Post bei dem oben geschriebenen belassen. Aber ich mag es dann doch zu sehr, überspezifisch zu sein. Und ich mag es zu sehr, Fragen in einer geordneten Art und Weise zu besprechen. Also werde ich hier versuchen, die wichtigen Fragen zu sammeln und die bisher gefundenen Antworten zu beschreiben. Natürlich passiert das auch in meinem Fall nur aus einer Beobachterperspektive, deshalb wird diese Liste sicherlich bei weitem nicht vollständig sein.

NameUrsprüngliche IdeeVeränderung / ProblemAntworten
GeschäftsmodellDas traditionelle Geschäftsmodell von Zeitungen im Print-Zeitalter basierte auf zwei Einnahmequellen: Geld von den Zeitungskäufern und Werbeeinnahmen.Durch den kostenlosen Zugang zu Nachrichten haben Benutzer die Wahl kostenlose Angebote wahrzunehmen. Zeitungen haben Schwierigkeiten Geld von Lesern zu nehmen. Werbeeinnahmen sind reduziert, weil größere Werbeunternehmen zwischengeschaltet sind und Werber nicht mehr auf Zeitungen angewiesen sind.
  • Paywall: Benutzer müssen trotzdem für Inhalte bezahlen
  • Spendenbasierte Modelle
  • Werbebasierte Modelle
Vorauswahl von InformationenZeitungen konnten als eine von wenigen Informationsquellen relativ gut Informationen zurückhalten.Durch die Einfachheit etwas zu veröffentlichen wird es schwerer und schwerer eine Information zurückhalten.
  • Breiter veröffentlichen
  • Meinungsmachen geschieht mehr über Gewichtung oder durch sehr kleinteilige Auslassungen
  • Traditionelle Medien verlieren eindeutig Macht in der Diskursgestaltung
Gewichtung und EinordnungZeitungen und andere traditionelle Medien konnten den öffentlichen Diskurs durch Gewichtung von Themen und Sichtweisen stark beeinflussen.Einerseits bleibt diese Macht erhalten, andererseits bieten alternative Medien mit großer Reichweite dem Leser eine Möglichkeit dies zu durchschauen. 
Geschwindigkeit von NachrichtenNachrichten wurden über den Telegraphen, später das Telefon und Fax verbreitet. So hatten Zeitungen zwar schnellen Zugang zu Informationen, aber nicht der Großteil der Leserschaft. Als eine Art Flaschenhals im Prozess, konnten Nachrichtenmedien bestimmen, wann welche Meldung veröffentlicht werden sollte.1Auch hier führt die Diversifizierung der Medienlandschaft zum Verlust der Gatekeeper/Bottleneck-Rolle. Nachrichten kommen in jedem Fall zum Leser, ob eine Zeitung sie veröffentlicht oder nicht.
  • Trennung von Kurznachrichen und vollen Artikeln
  • Konstant aktualisierte Artikel im Falle von besonderen, sich entwickelnden Geschehnissen
ValiditätTeil der traditionellen Rolle von Zeitungen war es, die Validität von Informationen zu bestätigen.Durch ihr Alter und ihre Größe wird einigen wenigen Zeitungen weiterhin die Rolle zugewiesen, aufzuzeigen ob eine Information valide ist oder nicht. Diese geht jedoch mehr und mehr verloren, weil Fehler leichter sichtbar sind. 
VerknüpfungZeitungen wurden in erster Linie von Verlegern und Archiven und Bibliotheken gesammelt. Einen Überblick über die Nachrichtenlage im zeitlichen Kontext zu behalten war schwierig.Das Archiv von vielen Zeitungen ist mittlerweile ganz oder zu großen Teilen offen im Netz verfügbar. Dadürch steigt die Erwartung, die zeitliche Einordnung direkt mitzuliefern.
  • Es werden immer mehr Links zu den eigentlichen Informationsquellen gesetzt
  • Interne Verlinkungen (dies könnte sie auch interessieren oder auf Artikel, auf die direkt Bezug genommen wird) nehmen zu3

Eine chaotische Zeit

In seinem Essay Newspapers and Thinking the Unthinkable beschreibt Shirky genau diese Fragen und die frühe Reaktion der Zeitungsunternehmen darauf. Er zeigt, wie sich die Zeitungen (in diesem Fall in den USA) bewusst waren, dass das Aufkommen des Internets einen großen Einschnitt bedeutete - sich gleichzeitig aber nicht eingestehen konnten, wie groß dieser Einschnitt nun tatsächlich sein würde. Gleichzeitig sei dieser Einschnitt nicht auf die Medienkonzerne beschränkt, sondern gesamtgesellschaftlich.

Society doesn"t need newspapers. What we need is journalism. Clay Shirky, Newspapers and Thinking the Unthinkable

Das gesamte Modell von Zeitungen sei überkommen, aber nicht das von Journalismus. Nun, wir sind gerade, sieben Jahre nach Shirkys Essay, dabei mitzuerleben, wie auch in Deutschland die Zeitungen immer mehr in Frage gestellt werden und ihre angestammte Rolle mehr und mehr verlieren. Wirtschaftliche Probleme und die damit verbundenen ängste sind bei Diskussionen wie der zum Leistungsschutzrecht leicht ersichtlich.

Dass die Zeitung als Sammlung von Journalisten, die sich eine gemeinsame Plattform zum veröffentlichen suchen, als Modell überkommen ist, sehe ich als unwahrscheinlich. Wo der Unterschied zwischen (Online-)Zeitung und größeren, von mehreren Autoren geschriebenen, Blogs liegt, ist noch nicht klar bestimmt. Wenn wir als Gesellschaft eine ordentliche Antwort finden wollen, brauchen wir eine offene Diskussion über die Rolle von Journalismus, die Rolle von Verlagen, und die Rolle des Lesers, und die einzelnen oben aufgelisteten Fragen.

Deshalb ist es extrem erfreulich, dass Zeit Online nun diese beiden Artikel veröffentlicht. Das dabei der Begriff Onlinejournalismus trotzdem weiterhin bloß auf die Onlineversionen von alten Zeitungen bezogen zu sein scheint, ist dabei ein etwas trauriger Aspekt. Fragen zur Amateurisierung von Journalismus werden noch nicht gestellt - auch wenn sie seit über zehn Jahren auf dem Tisch liegen. Es wäre wünschenswert, dass sich auch das ändert.

Notizen

  1. In Günther Walraffs "Zeugen der Anklage. Die 'BILD'-beschreibung wird fortgesetzt" beschreibt er auch, wie manche Stories in der Schublade behalten wurden, bis man gerade nichts besseres hätte
  2. Es sei an dieser Stelle an die Zeitungsausschneider während der Studentenbewegung in den späten 60ern verwiesen, die sich trafen um Zeitungen durchzugehen und interessante Artikel zu archivieren.
  3. Eine interessanter Ansatz ist hierbei einen Textbaustein über die bisherige Berichterstattung zum Thema ans Ende des Textes hinzuzufügen. Es ist allerdings durchaus bezeichnend, dass die erste Seite, auf der ich dies gesehen habe, Rap.de war. Mittlerweile findet sich diese Methode auch bei manchen Artikeln auf Spiegel Online.

Added by Joshua Ramon Enslin, in - [On Twitter]

Export
Print/PDFMarkdown
URL
HTML
Recommended Citation
CMS Author-DateEnslin, Joshua Ramon. 2016. “Hoffentlich Gibt Es Jetzt Endlich Eine Debatte Zum Onlinejournalismus”. Jrenslin.de. https://jrenslin.de/post/25.
CMS (Footnotes)Enslin, Joshua Ramon. “Hoffentlich Gibt Es Jetzt Endlich Eine Debatte Zum Onlinejournalismus”. Jrenslin.de. https://jrenslin.de/post/25.
APAEnslin, J. R. (2016). Hoffentlich gibt es jetzt endlich eine Debatte zum Onlinejournalismus. jrenslin.de. Retrieved from https://jrenslin.de/post/25
HarvardEnslin, J.R., 2016. Hoffentlich gibt es jetzt endlich eine Debatte zum Onlinejournalismus. jrenslin.de. Available at: https://jrenslin.de/post/25.